Zur Helmut Gotschys magischer Drehleier "Alpha Novello". 

Bericht von Erik A. Krappmann.

 

Vorwort:

19 Monate mussten wir auf das neue Instrument warten und ich, der ich das Warten über alles hasse, empfand das als echt grausam. Aber nach dieser unendlich langen Zeit (man weis ja beim Bestellen gar nicht, ob man beim Empfang nicht schon vom Laster überfahren wurde), machten wir uns auf den Weg, um das ang ersehnte Instrument endlich in Empfang zu nehmen.

Aber es war ja zum Glück nicht so, dass uns in dieser Zeit keine Leier zur Verfügung stand. Und schließlich ist es nicht irgendeine Leier, sondern es ist die Meisterleier von Instrumentenbauer Helmut Gotschy und dazu ist es noch ein Jubiläums Instrument: Es ist die 750ste Drehleier und die 50ste Alpha Novello aus Helmuts Werkstatt. So hat sich das Warten dann auch gelohnt und die Froide über das neue Instrument ist umso größer.

alpha-gesammt

 

 

alpha-tasten

alpha-schnarre

alpha-kurbel

alpha-rad

alpha-tangenten

Das Spiel:

Sehr schön ansprechende Tasten, geben einem gleich das Gefühl, auf dem Instrument zuhause zu sein. Besonders auffällig ist die sehr gut zu bedienende Schnarre, sie lässt sich sehr genau einstellen und spricht beim Spielen leicht an. Aber auch als 4ten Bordun (Mouche) lässt sie sich gerne "missbrauchen". Die Kurbel ist perfekt und im traditionellen Bogen geformt. Die Lager sind erwartungsgemäß geräuschfrei und sehr leichtgängig.

Saitenheber gibt es bei diesem Instrument leider nicht. Auch wenn die Saiten leicht zugänglich sind um sie "per Hand" zu liften, ist es auch mit Übung nicht möglich, die Saiten im Handumdrehen auszuschalten. Beim Einschalten einer Saite jedoch, ist man mit einiger Übung genau so schnell wie mit Saitenhebern.

Feinabstimmung:

Eine Drehleier ist ein Instrument, das meiner Meinung nach mit dem Spieler zusammenwächst. Es sind also trotz moderner Technik noch ein paar Feinarbeiten notwendig, bis alles so passt, wie der Spieler (in diesem Fall ich) das haben will. Da macht natürlich auch dieses Instrument keine Ausnahme (Was aber nicht heißt, dass das Instrument sich nicht auf Anhieb spielen lassen würde).

Aber das ist ganz normal und auch gut so. Fatal wäre es eher, wenn es keine Möglichkeit der Feinabstimmung geben würde. So lässt sich hier der Druck der Bordune auf das Rad mit einem kleinen Schraubenzieher genau einstellen. Auch die Einstellung der Fähnchen im Innern der Leier ist sehr gut, leicht zugängliche Schrauben und gummierte Metallfähnchen machen die Abstimmung der einzelnen Fähnchen sehr einfach.

Sind die Feineinstellungen einmal geschafft, ist kaum noch Arbeit zu investieren. Trotzdem ist es, und das ist bei jeder Leier so, sehr ratsam ein paar passende Werkzeuge mitzuführen. Mein zusammengestelltes Zubehörset besteht aus:

  • Feinschraubenzieher Kreuz
  • Feinschraubenzieher Schlitz
  • feiner Pinsel zum Staubentfernen
  • kleine Spitzzange
  • einem Sechskantschlüssel zum Stimmen der Resonanzsaiten
  • sehr feines Schleifpapier zum Säubern des Rades

Das Handling:

Ein Spielgurt ist bei dieser Leier Pflicht. Auch wenn bei einem Betrieb mit einer Saite die Leier nicht verrutschen würde, wäre bei einem so hochwertigem Instrument das Risiko viel zu hoch, dass sie es eben doch mal tut und wer möchte da einen Kratzer oder eine Delle riskieren nur weil man mal schnell auf den Gurt verzichtet.

Spielt man wie Ich über lange Zeit eine sehr flache E-Leier, ist der "dicke" Bauch der Leier erstmal etwas ungewohnt. Jedoch ist auch diese Leier flach, verglichen mit einer Lautenleiher. Zur Form muss man sagen, dass diese wirklich einzigartig ist und es diese nur bei der Alpha Novello von Helmut Gotschy gibt. Und ja, genau so und nicht anders muss eine Drehleiher aussehen.

Die Leier selbst, ist sehr leicht und sowohl im Stehen als auch im Sitzen sehr anschmiegsam.

Das Stimmen der Einzelsaiten erfolgt an den gut zugänglichen und sehr präzisen Stimmmechaniken. Die Resonanzsaiten werden mit einem handelsüblichen Sechskantschlüssel gestimmt.

Wie bei allen Streichinstrumenten (Ja eine Drehleier ist ein Streichinstrument), ist es hin und wieder nötig, etwas Kolophonium auf das Streichgerät (bei der Drehleier ist das ein speziell aufgebautes Holzrad, bei der Geige wäre das ein Bogen) aufzutragen. Ich verwende hierfür flüssiges Kolophonium. Aber auch mit normalem festem Kolophonium spielt das Instrument ganz hervorragend.

alpha-bordune

alpha-vonunten

alpha-stimmer

alpha-regelung

alpha-anschluss

Electronic:

Für den Bühneneinsatz ist in dieser Leier ein Vorverstärker eingebaut, der den Namen "Expirience Electronic" trägt. Dieses System ist 3 Kanalig und hat zusätzlich einen Summenkanal für ein Spiel über nur ein Klinkenkabel.

Die 3 Kanäle sind belegt mit den Bordunen, der Scharre und den Melodiesaiten. Jeder Kanal lässt sich über die dezent angebrachten Lautstärkeregelungen beeinflussen. An der Elektronik selbst, lassen sich für jeden Kanal noch die Grundeinstellungen für Höhe, Tiefen und Lautstärke mit Hilfe eines kleinen Feinmechanikerschraubendrehers vornehmen.

Die Energie für den Vorverstärker wird über eine 12 Volt Phantomspeisung vorgenommen. Das ist leider nicht kompatibel mit den in den meisten Mischpulten vorgesehenen 48 Volt, aber nicht wirklich ein Nachteil, da die Leier ein spezielles Spielkabel besitzt, dass sie mit der kleinen mitgelieferten Phantomspeisungsbox verbindet. An eben dieser Box lassen sich auch die Kanäle entweder auf den Summenkanal (für Spielen mit nur einem Klinkenkabel über z.B. einem Verstärker) oder eben auf die 3 Einzelkanäle, um den Klang individuell an einem Mischpult zu regeln.

Der Sound:

Akustisch:
Die Bordune klingen sehr harmonisch mit den Melodiesaiten, alleine das tiefe Contra c dürfte für meinen Geschmack etwas dominanter sein. Die Melodiesaiten haben einen sehr reinen und wie gewünscht einen leicht nasalen Klang. Die Schnarre klingt ungeschnarrt sehr dezent und weich und wenn sie anspricht (d.h. wenn sie schnarrt), sehr gut hörbar aber nicht zu laut. Den Radschutz sollte man im Spieleinsatz entfernen, da er dazu neigt, bei gewissen Frequenzen etwas zu scheppern.

Elektrisch verstärkt:
Der wirklich wundervoll akustische Sound wird hier sehr gut umgesetzt. Im Gegensatz zum akustischen Sound ist das Contra c hier jedoch ein bisschen zu dominant, schaltet man die Saite zu, wirkt der Bordun hier nicht unbedingt tiefer, sondern in erster Linie lauter. Das Problem lässt sich durch Feineinstellung der Saiten und des Vorverstärkers abschwächen, aber nicht ganz beheben. Evtl. bringt hier eine etwas energieärmere Saite Abhilfe, was ich jedoch noch nicht getestet habe.

Insgesamt:
Der Sound klingt nach Drehleier, sowohl akustisch als auch elektrisch. Und zwar so richtig nach Drehleier, halt einfach sehr gut. Ich habe schon Instrumente gehört, die an einen Dudelsack erinnern, manche sogar an Synthesizer, Trompeten bis hin zu anderen Instrumenten, mit denen Eltern gerne Ihre Kinder quälen indem sie sie zwingen, spielen zu lernen.

 

alpha-stege

alpha-saiten

alpha-resonanz

   

Fazit - Vorsicht Suchtgefahr:

Wer einmal anfängt, dieses Instrument zu spielen, läuft Gefahr, nicht mehr damit aufzuhören zu wollen. Der betörende Sound, das schöne und einfache Spiel und die fantastische Optik zeigen, dass Helmut Gotschy nicht einfach nur Drehleiern baut, sondern seine besondere Liebe und Zuneigung zu diesem Instrument in die Verarbeitung und die jahrelange Weiterentwicklung integriert hat.

Natürlich hat das Instrument auch seinen Preis. Wer diese spezielle Leier sein eigenen nennen will und ein paar Extrawünsche hat, ist schnell mal bei einem Preis von 5000 Euro angelangt und auch nach oben hin, ist das noch sicher nicht die Grenze des Preises.

Jedoch bietet Helmut Gotschy auch günstigere Instrumente, die das Spielmannsherz höher schlagen lassen. Wer Interesse hat, sollte sich auf seiner Webseite z.B. die Phoenix Serie anschauen.

 

alphapici
Kontaktinfo: http://www.gotschy.com
Natürlich gebe ich auch gerne zusätzliche Auskunft unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

 

 

 

Allgemeines:

Die Leiern von Helmut sind eine sehr gelungene Mischung aus den Elementen der historischen Leier und da wo es Sinn macht, aus modernster Technik. Wo sich der historische Spielmann mit schwierigen und zeitaufwendigen Ritualen zum Stimmen und Einstellen der Leier auseinandersetzen musste, setzt Helmut den Hebel an und bringt Techniken ein, die dem Musiker erlauben, sich um das zu kümmern, worum es ihm eigentlich geht: Zu Musizieren und nicht Fähnchen zu schnitzen, Wirbel zu bauen oder nachzubearbeiten oder sonst viel Zeit aufzuwenden um das Instrument überhaupt erst Spielbereit zu machen. Es entsteht ein Instrument mit historischer Tradition und dem Anspruch eines modernen Instrumentes für den professionellen Einsatz. Mit einer solchen Drehleier wird der Spielmann vom Instrumentenwartungshobbyschnitzer endlich zum Musiker.

Das erste was bei der Leier auffällt, ist die schöne Verarbeitung des Instrumentes. Man merkt sofort hier wurde alles genauestens verarbeitet. Jahre der Weiterentwicklung stecken in diesem Instrument. Schöne Einlegearbeiten und ein sehr edles Finish lassen das Instrument extrem hochwertig wirken (was es ja auch ist). Ich wählte in Absprache mit Helmut, eine Holzkombination aus Ahorn und Zeder, dass soll dem Instrument einen klaren und hellen Klang bescheren. Beim Finish schwebte mir eine eher rustikale Variante in warmen brauntönen vor und natürlich wie ich es liebe, gewachst und geölt und nicht lackiert. Helmut hat das nicht nur perfekt umgesetzt, sondern meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

Daten zum Instrument:

Saiten:

  • 3 Bordunsaiten auf c, g und einem Contra c (tiefes c)
  • 1 Schnarrsaite auf g (Ich habe mir sagen lassen, dass die meisten wohl mehrere Schnarrsaiten wünschen, so dass dies eher ungewöhnlich ist)
  • 3 Melodiesaiten auf g' g' und g (Auch hier ist meist eher eine g' c' g Stimmung üblich, das eröffnet zwar mehr Möglichkeiten, ist für meinen persönlichen Einsatz jedoch nicht so praktisch)
  • 6 Resonanzsaiten 3 auf c und 3 auf g

Holz:

  • Korpus: Ahorn und Zeder
  • Tasten: Ebenholz

Vorverstärker: Expirience Electronic mit 12V Phantomspeissung und 3 Kanälen.
Abmessungen: ca. 60 x 40 x 30 cm.
Tonfolge: 2 Oktaven Chromatisch (mit den auf g gestimmten Saiten gehts natürlich auch mit g los)